Bewusstsein

Bewusstsein als Phänomen ist uns allen geläufig: Es ist das, was uns abends verlässt, wenn wir einschlafen, und das, was wir morgens wieder erlangen, wenn wir aufwachen. Neben diesem Zustand des Wachbewusstseins gibt es allerdings noch andere, tiefere Schichten von Bewusstsein, die dagegen seltsame Eigenschaften aufweisen: Im Traum zum Beispiel können wir innere Bilder wie äußere Ereignisse wahrnehmen, und das sogar auf sehr intensive Weise. Oft können wir diese inneren Bilder im Moment des Erlebens im Traum gar nicht von unseren äußeren, „tatsächlichen“ Erfahrungen unterscheiden.

Für die Neurobiologie ist Bewusstsein – vereinfacht ausgedrückt – ein Prozess, der entsteht, wenn Millionen von Nervenzellen im Gehirn und im Körper physikalisch-chemisch miteinander kommunizieren. Hier ergibt sich nun ein Problem, hier gerät die wissenschaftliche Erklärung in Konflikt mit unserer subjektiven Erfahrung: Wie sollen sich Nervenzellen – und sei es im Verbund zu Zigtausenden – denn etwas vorstellen können? Wie sollen Nervenzellen einen Gedanken denken können? Wie können Nervenzellen subjektive Empfindungen haben, etwas erleben? Eine subjektive Empfindung innerer Bewusstseinszustände, das „ich fühle etwas“, lässt sich nicht neurobiologisch darstellen. 

Die Philosophie – seit der Antike zuständig für die Erklärung des Geistes – laboriert an dieser Frage, dem sogenannten „Qualia-Problem“, bis heute und bietet ebenfalls keine zufriedenstellende umfassende Erläuterung für das Phänomen Bewusstsein. Wir können mit Sicherheit sagen, „wir als Menschen erleben etwas“, und wir können sagen, dass wir dazu unser Nervensystem nutzen, aber ist unser Nervensystem ursächlich für unsere subjektiven Erfahrungen?

Das Körper-Geist-Problem oder der „Weltknoten“[1]

Ich sehe die Sonne; die Augen – eine bestimmte Blickrichtung gewohnt – fangen ein winziges Päckchen Sonnenlicht ein – ein gewisses Spektrum an Wellenlängen, das die Sonne weniger als zehn Minuten zuvor abgestrahlt hat. Diese Strahlung wird zu einem kreisförmigen Fleck auf der Netzhaut gebündelt und löst eine photochemische Reaktion aus, durch die Nervenfasern erregt werden, die nun ihrerseits ihre Erregung an bestimmte Bereiche des Gehirns und letztlich an Teile der Großhirnrinde weiterleiten. Die Mittel der Verbreitung von der Retina bis zum Gehirn sind durch und durch nervöser Natur, das heißt, die Reaktion kann als elektrisch bezeichnet werden… Die Kette der Ereignisse, angefangen von der Sonneneinstrahlung, die auf das Auge trifft, … bis hin zu den elektrischen Impulsen in der Großhirnrinde, besteht aus den folgerichtigen Schritten einer physikalischen „Kausalkette“, die sich dank der Wissenschaft erklären und verstehen lässt. Doch in der zweiten Serie von Ereignissen folgt auf der Bühne der Großhirnrindenreaktion ein Ereignis oder eine Reihe von Ereignissen, die uns mehr oder minder unerklärlich sind, und zwar sowohl was ihre Natur betrifft als auch im Hinblick auf die kausale Verknüpfung zwischen ihnen; was ihnen vorausgegangen ist, vermag uns die Wissenschaft nicht zu erklären; eine Reihe von Ereignissen, die sich offenbar mit keinem der Geschehnisse vergleichen lassen, die zu ihnen geführt haben. Das Ich „sieht“ die Sonne; es nimmt eine zweidimensionale Scheibe von großer Helligkeit wahr, hoch oben am „Himmel“, letzterer ein Bereich von geringerer Helligkeit, insgesamt geformt wie eine stark abgeflachte Kuppel, die außer dem Selbst noch Hunderte anderer sichtbarer Dinge umschließt. Weit und breit kein Hinweis darauf, dass diese Szene sich im Kopf abspielt.

Der wissenschaftliche Gehalt dieser Aussage des großen Neurophysiologen Charles Sherrington aus dem Jahr 1940[2] besitzt noch heute Gültigkeit. Gleiches gilt für das Gebiet der Philosophie:

Wir nehmen an, von einem sichtbaren Objekt gehe ein physikalischer Prozess aus, setze sich fort zum Auge, verwandle sich dort in einen anderen physikalischen Prozess, verursache einen wiederum anderen physikalischen Prozess im Sehnerven und erzeuge schließlich eine Wirkung im Gehirn, mit welcher gleichzeitig wir das Objekt sehen, von dem der Prozess seinen Ausgang genommen; dieses Sehen soll dann etwas „Geistiges“ sein, völlig verschieden im Charakter von den vorhergehenden und begleitenden physischen Prozessen. Diese Ansicht ist so widersinnig, dass die Metaphysiker die verschiedensten Theorien erfunden haben, nur um etwas weniger Unglaubwürdiges an ihre Stelle zu setzen.[3]

Nach dem Stand der Wissenschaft können wir also die Existenz unbekannter Bereiche der Wirklichkeit in Erwägung ziehen, ohne damit gleich die bekannten physikalischen Kausalgesetze zu verletzen. Denn es gibt vielleicht Ebenen unserer Realität, die weit über die naturwissenschaftlich-objektiv erkennbaren Strukturen der Wirklichkeit hinausgehen.

[1] Der Begriff „Weltknoten“ stammt von Arthur Schopenhauer (1788-1860). In sehr treffender Weise bezeichnete der Philosoph damit die Verknüpfungsstelle von subjektivem, also innerem, Erleben und objektiv beschreibbaren, äußeren Ereignissen.
[2] Charles Sherrington, The Integrative Action of the Nervous System (New Haven: Yale University Press, 1947), Vorwort, S. 16, zitiert in Gehirn und Geist, G.M. Edelman u. G. Tononi, C.H. Beck, München 2002, S. 11.
[3] Bertrand Russell, Zitat aus Sir J. Jeans, Physics and Philosophy (Cambridge, England: Cambridge University Press, 1943), (deutsche Ausgabe: Physik und Philosophie, Zürich: Rascher, 1944, S. 289), zitiert in Gehirn und Geist, G.M. Edelman u. G. Tononi, C.H. Beck, München 2002, S. 12.