Astrologie

Astrologie ist aus der Idee entstanden, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Geschehen am Himmel und dem Leben auf der Erde geben könnte. Der Lauf und die Position der Sterne, des Mondes und der Sonne am Firmament setzen dieser Idee zufolge „Zeichen der Zeit“, die in unserer Existenz wirken.

Eine solche Wirkung erfolgt nicht aufgrund der bekannten Kräfte der Physik. Eine physikalische Kausalität für astrologische Einflüsse konstruieren zu wollen würde bedeuten, das Leben des Menschen auf der Erde in Abhängigkeit von äußeren Vorgängen oder äußeren Kräften zu sehen.

Nehmen wir stattdessen an, dass der Mensch, dass das Leben an sich, über eine INNERE Kraft verfügt, eine ursprüngliche Lebenskraft, die das Potential des Lebens ausmacht. Eine Innere Kraft, die vergleichbar ist mit der Idee und des Begriffs eidos oder auch der Idee der Entelechie bei Aristoteles[1], dem Urvater der klassischen Naturwissenschaft. Aristoteles nämlich hat bei aller Wissenschaftlichkeit seines Denkens, mit der er – auch in Abgrenzung zu seinem Lehrer Platon – seine Philosophie formulierte, immer auch eine Zielgerichtetheit, einen Sinn in allem erkannt, was ist. Deshalb war die Zielgerichtetheit aller naturwissenschaftlichen Faktoren auch ein wesentlicher Bestandteil seiner Naturphilosophie. Selbst Isaac Newton hat noch im 17. Jahrhundert die Existenz eines metaphysischen Prinzips, einer Art innerer Kraft, im Rahmen seines wissenschaftlichen Weltbildes vertreten: den „vegetativen Geist“, ohne den Materie seiner Ansicht nach nur eine tote und inaktive Masse blieb.

Das Potential des Lebens, die Sinnhaftigkeit des menschlichen Lebens sind im Horoskop in verschlüsselter Form dargestellt. Mit den Worten Platons gesprochen, könnte man die im Horoskop verborgene Essenz als die „ewigen Ideen“ eines individuellen Menschenlebens bezeichnen. Dieses innere Potential, diese ewigen Ideen manifestieren sich in unserem Bewusstsein. Ein Phänomen, das aus dieser inneren Kraft erwächst und das wir alle kennen, ist unsere Intuition.

Im Gegensatz zu den ewigen Ideen der Philosophie Platons, die transzendent bleiben, können wir mittels unseres Bewusstseins die „kosmische“, die himmlische Essenz des Horoskops in unser Leben transportieren.

Das Horoskop, also die Betrachtung der himmlischen Konstellationen zum Zeitpunkt und auf den Ort unserer Geburt bezogen, ist eine Blaupause unseres Lebens. Die Sternzeichen und Planeten zeigen symbolhaft am Himmel die konstitutiven Faktoren menschlichen Bewusstseins auf und – Bewusstseinsinhalte lassen sich mittels der Astrologie exakt beschreiben. Das ist ein ganz anderer Ansatz als die landläufige Auffassung von Astrologie als „Wahrsagekunst“, bei der es darum geht, äußere Ereignisse im Leben eines Menschen oder auch im Weltgeschehen vorauszusagen.

Um die Innere Kraft, um das Potential des Menschen aus dem Horoskop zu entschlüsseln, brauchen wir zunächst eine neue, eine „aufgeklärte“ Astrologie; eine Astrologie, die das überlieferte intuitive astrologische Wissen in einen Zusammenhang bringt mit unseren rationalen naturwissenschaftlichen und naturphilosophischen Erkenntnissen. In ähnlicher Weise wie die Naturphilosophen der Antike mit mythischen Vorstellungen über die Natur und das Leben aufgeräumt haben, müssen wir heute eine tragfähige fachübergreifende Struktur in die partikularisierten Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften bringen und auch sehen, dass dann bei aller Natur-Wissenschaftlichkeit noch einiges, und zwar Erhebliches, vom Geiste übrig bleibt. Nur so können wir wieder eine Ganzheit, eine Ordnung, einen kosmos in unserem Bewusstsein schaffen.

Wir tragen den Himmel in uns – die uralte Trennung von Erde und Himmel ist eine Illusion.

Jedes Problem, jeder Konflikt im Leben ist ein Zugang zu Möglichkeiten inneren und äußeren Wachstums und weist den Weg zur Erweiterung unseres Bewusstseins hin zu einer ganzheitlichen Wahrnehmung der Wirklichkeit. Wir können die Schönheit, die Vollkommenheit des Sternenhimmels hier in unserem Leben auf der Erde erfahren. Wir können Platons ewige Ideen der Schönheit und Perfektion auch hier im Leben auf der Erde Wirklichkeit werden lassen.

Wir können den Himmel auf die Erde bringen.

Platon hatte recht mit seinem Höhlengleichnis: Wir können uns selbst befreien und die vollkommene Wirklichkeit schauen. Tun wir es.

[1] Kurz gefasst meinte Aristoteles mit eidos wohl das – wir würden heute sagen – „energetische Prinzip“, das die belebte von der unbelebten Materie unterscheidet. Entelecheia nannte Aristoteles sein Konzept, wonach jeder Gegenstand (also auch unbelebte Materie) sein Ziel in sich selbst trägt, eine innewohnende Kraft zur Selbstverwirklichung. Entelechie und eidos waren – wie viele ähnliche und andere Prinzipien – metaphysische Ergänzungen der materiellen Aspekte des Weltbildes in der Antike.